Trackspatz auf Weltreise

Chisinau hautnah

Chisinau hautnah

Vor kurzem hatten wir schon über den mitreißenden Gottesdienst in der Katharinenkirche in Kiew berichtet sowie die anschließende unglaublich herzliche Aufnahme durch mehrere Gemeindemitglieder. Da reicht nichts mehr heran.

Glaubten wir.

Bis wie nach Chisinau kamen. Wir wollen jetzt keinesfalls Kiew und Chisinau miteinander vergleichen. Das wäre absurd. Aber für unser Empfinden erlebten wir genauso Mitreißendes.

Doch im Einzelnen:

Wir haben uns aus dem Bauch heraus uns für die erste baptistische Kirche entschieden, die wir am Vortag von außen angeschaut hatten. Sie schien uns von der Größe und der Lage her am ehesten Kontakte zu versprechen, mit denen wir etwas anfangen konnten. Also auf Deutsch oder Englisch. Eine gute Wahl, wie sich herausstellen sollte.

Zehn nach neun waren wir da. Also viel zu früh – aber das halten wir gern so. Außer uns war nur das Musikteam da und probte: Vier junge Damen sangen, ein Herr begleitete am Keyboard. Tolle Musik, perfekter Chorgesang, mitreißende Begleitung. Der Pastor (einer von mehreren der Gemeinde) begrüßt uns und interessiert sich für uns und unser Projekt. Auf Englisch. Kurz danach sprechen uns zwei bezaubernde junge Damen an mit der knappen Bemerkung: „Wir sind ihre Übersetzerinnen“ und setzen sich hinter uns. Wir sind perplex.

Kirchenchor

Fünf vor zehn: Die Kirche ist fast leer. Zehn Uhr: Die Kirche ist gut gefüllt. Der Damenchor beginnt druckvoll mit „Großer Gott, wir loben dich“. Natürlich auf Rumänisch. Anschließend ein uns unbekanntes Lied, das unsere Tanzfüße zucken lässt. Kostprobe? Wundervoll. Uns gegenüber sitzt ein Mann, den man nur mit „stattlich“ beschreiben kann. Und er ist derjenige, der die Predigt hält. Er hat zwar ein Mikrophon, braucht es aber nicht. Das Predigtthema ist das bekannte „Hohelied der Liebe“ aus Paulus‘ Korintherbrief. Und wir erhalten aus der Reihe hinter uns dazu die perfekte Simultanübersetzung!

Im weiteren Verlauf wird auch Julie vom Gemeindepastor ans Pult geholt und schildert, was wir so treiben, warum wir hier sind, und sie richtet Grüße von unserer Heimatgemeinde in Hanau aus. Reges Interesse. Nach dem Gottesdienst werden wir geradezu belagert.

Ich komme mit dem Prediger ins Gespräch, der fast perfekt deutsch spricht, und erwähne, dass wir noch in die Türkei wollen, um dort die baptistische Gemeinde des Bruders eines Gemeindefreundes zu besuchen. Darauf springt er sofort an, will wissen, wo die denn liegt (was ich ihm gar nicht genau beantworten kann), und berichtet von einer richtig großen Baptistengemeinde nahe Izmir, zu der er guten Kontakt hat. Dann zückt er sein Tablet und gibt uns die entsprechenden Kontaktdaten des dortigen Pastors mit seiner Empfehlung sowie mit dem Hinweis, dass dieser auch gut deutsch spricht und uns auch noch viele wichtige Kontakte vermitteln kann.

Was für eine Fügung! Genau das, was wir für die Türkei dringend brauchen. Und wo erhalten wir das? Am „Arm“ der Welt in Moldawien.

Später erfahren wir: Das war nicht irgendjemand, sondern Professor Otniel Bunaciu von der Baptistischen Fakultät der Universität Bukarest und Leiter der größten Baptistengemeinde Europas (!). Mal sehen, wenn‘s klappt, besuchen wir ihn bzw. seine Gemeinde in den nächsten Tagen.

Baptistenkirche Chisinau - Moldawien

Dieses war der erste Streich, und der zweite folgt sogleich:

Wie gesagt, werden wir auch von anderen Gemeindemitgliedern bestürmt. Und eine Familie tut dies besonders hartnäckig: Vadim, ein weiterer Gemeindepastor (und Prof. an der theologischen Fakultät der Uni Chisinau) und seine Frau Ina bestehen darauf, uns zu sich nach Hause einzuladen. Unser Zögern ist nur kurz. Sowas ist IMMER ein Erlebnis (siehe Kiew). Natürlich sagen wir zu. Dabei stellt sich noch heraus, dass es sich bei unseren Übersetzerinnen um die ältere Tochter der Familie sowie um deren angehende Schwiegertochter handelt. Also, an der Sprache soll unser Besuch nicht scheitern. Sie wohnen am anderen Ende der Stadt. Auch bei wenig Verkehr locker eine halbe Stunde Weg. Ein behagliches Haus in einem Garten, der alles zu bieten hat, was eine Küche an Gemüse so benötigt. Mit uns sind zwei Theologiestudenten aus Kasachstan und Tadschikistan. Also eine wirklich bunte Truppe. Und so wird die ganz große Tafel zum Essen aufgestellt. Eine muntere und überaus fröhliche Atmosphäre herrscht, und das Essen ist einfach vorzüglich – auch wenn wir nicht von allem wissen, was es ist. Und anschließend ergeben sich jede Menge intensive Gespräche.

Bei unserer neuen Familie

Und natürlich kommt überhaupt nicht in Frage, dass wir im Auto schlafen! Ja, wo sind wir denn?

Gute Frage. Wir sind in einer Familie, die uns mit einer Herzlichkeit und Selbstverständlichkeit aufnimmt, die uns wirklich anrührt.

Ach ja, nachmittags um fünf ist ja noch ein Gottesdienst angesagt. Also noch mal ins Auto und quer durch die Stadt zur Kirche. Und anschließend alles wieder zurück in einen „Familienabend“ voller Herzlichkeit, bis wir schließlich müde ins Bett sinken.

Das schönste am Garten ist am nächsten Morgen die Außendusche. Es gibt zwar ein hochmodernes Badezimmer, aber die Dusche unter freiem Himmel aus einem sonnenerwärmten Wasserkanister ist einfach schöner.

Irgendwann müssen wir aber doch weiter. Wir lassen noch mal unsere Drohne über dem Grundstück kreisen und ein paar feine Aufnahmen davonmachen, sehr zur Aufregung der Nachbarskinder.

Nur zu gern sprechen wir Gegeneinladungen nach Deutschland aus, insbesondere die „Dolmetschtochter“ Cristiana haben wir schon fest eingeplant. Das wird was!

Und dann geben wir Felix wieder die Sporen, auf dass er uns zu weiteren Glanzpunkten Moldawiens tragen möge.

Zausel

Geschrieben von : Zausel

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