Trackspatz auf Weltreise

Kirchenkampf in Kiew

Kirchenkampf in Kiew

Eigentlich …

Ja, wenn es das Wörtchen „eigentlich“ nicht gäbe, könnte man vieles nicht beschreiben.

Eigentlich wollten wir nur den Westen der Ukraine bereisen, also von Lemberg (L‘viv) in die Karpaten, entlang der rumänischen und der moldawischen Grenze nach Odessa und dann schon wieder raus.

Eigentlich reizte uns die Ukraine schon nach wenigen Tagen nicht mehr – auch weil wir keinen geeigneten Reiseführer dabei hatten. Der, den wir gekauft hatten, war völlig ungeeignet für uns. Es gibt in ihm nur zwei Themen: Pfarrkirchen (alle schön, aber ausnahmslos geschlossen) und Wandertouren in den Karpaten. Und eine Wanderreise liegt uns momentan ferner als die Panamericana.

Eigentlich wollten wir uns Kiew aufsparen und (mit geeignetem Material) mal eine eigene kurze Flugreise dorthin unternehmen (ach – das wollen wir auch mit Lissabon, Bilbao und Casablanca; auch Prag steht auf dem Zettel). Nur zum mal eben durchschnüren lohnt sich die Extrafahrt eigentlich nicht.

Aber dennoch haben wir dann auf der Fahrt nach Odessa spontan das Steuer nach Nordosten rumgerissen und sind Richtung Kiew geschnürt, Wenn man schon mal da ist …

Die paar hundert Kilometer – strunzlangweilig auf schlechten Überlandstraßen. Je näher an Kiew, desto besser wurden sie. Es war Samstag, und aus purer Gewohnheit ohne rechten Glauben an ein gutes Ergebnis googelten wir nach evangelischer Kirche in Kiew.

HALLOOOOOOOOOOOOOOOOOO!

Es gibt eine solche, und zwar sogar eine deutsche! Mit einer atemberaubenden Vergangenheit, die sich auch im Internet nachlesen lässt. Die Gemeinde St. Katharina liegt nur wenige Meter vom Majdan entfernt und war bei den jüngeren Unruhen und Kämpfen Zufluchtsort für viele, viele Verfolgte und Bedrängte – egal welcher Richtung sie angehörten. Auch unser ehemaliger Bundespräsident Gauck hat diese Kirche und diese Gemeinde mit seinem Besuch und entsprechender Danksagung gewürdigt. Aber auch ihre ältere Geschichte liest sich wie ein spannender Kriminalroman.  Es lohnt sich, im Netz unter „St. Katharina“ nachzuforschen.

Kirche St. Katharina in Kiew

Gottesdienst war dann am Sonntag um 10 Uhr. Wir nächtigten etwa 40 km vor Kiew „in der Botanik“ und fuhren morgens um 8 Uhr los. Extra früh, weil wir damit rechneten, bei der Lage der Kirche direkt im Zentrum länger nach einem Parkplatz suchen zu müssen. Und in ein Parkhaus o.ä. passen wir ja mit unserem Felix nicht.

Als wir nach Kiew hineinkamen, beeindruckten uns großzügige Architektur (einiges davon eher großspurig, anderes aber auch hinreißend), breite Straßen und schlechtes Pflaster. Das Navi führte uns präzise zum Ziel – und zum freien Parkplatz exakt vor der Kirchentür. Beten hilft.

Unter uns kann ich‘s ja erwähnen: Schon beim Reinfahren in die Stadt drängte mein Morgenkaffee höchst unangenehm ins Freie. In der Stadt selbst ist die Toilettenfrage eine ungelöste, und es war erst neun. Wann würde die Kirche öffnen? Sie war offen, und die erste Tür rechts neben der Haupttür war gekennzeichnet mit einem kleinen „Männeken“. Also, Kirche sorgt schon für Erlösung!

Und schon werden wir auf Deutsch begrüßt und herzlich eingeladen: Hier gibt es Kirchenkaffee auch schon vor dem Gottesdienst. Mit einem jüngeren Paar kommen wir intensiv ins Gespräch. Beide sprechen fließendes Deutsch. Der Pastor ist in Urlaub, ein Mitarbeiter der Weltbank wird die Predigt vortragen. Er erklärt uns viele Details auch aus der jüngeren Geschichte der Gemeinde, die, nachdem sie 1991 ihre Kirche von den Sowjets zurückbekommen hat, viele Begehrlichkeiten geweckt hat; sowohl die Gemeinde an sich als auch der Kirchenbau wegen seiner prominenten Lage nahe dem Stadtzentrum und gerade mal 100 Meter vom Regierungsviertel entfernt.

Absolut spannend dazu: Kirchenkampf

Der Prediger bringt es auf den Punkt: „Die Gemeinde hat eine hervorragende Immunabwehr.“

Wir werden das weiterverfolgen.

Dazu passt der Predigttext aus dem Matthäusevangelium, der von dem Mann berichtet, der sein Haus auf festem Grund baut.

Der Ablauf ist auf Russisch, die Lieder (mit toller Orgelbegleitung!) auf Deutsch, gesungen aus dem evangelischen Gesangbuch, die Predigt, wie gesagt, auf Deutsch mit paralleler Übersetzung ins Russische.

Dann der zweite Kirchenkaffee – alles ein wenig chaotisch, aber bezaubernd. Wir werden bestürmt von allen Seiten. Man spürt, dass eine tiefe Sehnsucht herrscht nach den deutschen Wurzeln, jeder möchte uns erzählen von dem, was ihn mit Deutschland verbindet. Die Sorge um das Verschwinden der deutschen Sprache aus dem Gemeindeumfeld geht um.

Schließlich bleiben außer uns noch drei Personen: Der fast 80jährige Robert, Inga und Olga. Robert bietet uns einen ausgiebigen Stadtrundgang an, und wir nehmen dies gern an.

Es hat sich gelohnt!

Davon morgen mehr (vielleicht auch übermorgen ...)

Predigt in der Katharinenkirche Kiew

 

Zausel

Geschrieben von : Zausel

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Heinz
Danke fuer den Besuch
Danke fuer Euren Besuch am Sonntag in der St. Katharinenkirch e. Ein froehlicher Besuch und ein erfrischender und interessanter Artikel. Bleibt der Gemeinde wohlgesonnen!
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Julie
Wir haben zu danken
Kiew war für uns ein tolles Erlebnis. Wir wurden von euch aufgenommen, als wären wir zuhause angekommen (naja, sind wir ja auch irgendwie smile ). Kiew und die Gemeinde der Katharinenkirch e wird uns lange in guter Erinnerung bleiben.
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